Im Mai 2026 veröffentlichte eine Gruppe deutscher Experten wie Jeannette zu Fürstenberg, Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Thomas Enders ein strategisches Manifest, das die Schwächen der deutschen und europäischen Verteidigung präzise diagnostiziert und einen konkreten Entwicklungspfad aufzeigt. Die Autoren betonen, dass Deutschland und Europa entlang der gesamten militärischen Wertschöpfungskette strategisch von den USA abhängig sind – von der Battle Cloud über Führungssysteme, satellitengestützte Aufklärung und Kommunikation bis hin zur konventionellen und nuklearen Abschreckung.
Obwohl Europa über den zweitgrößten Verteidigungshaushalt der Welt und eine wettbewerbsfähige industrielle und technologische Basis verfügt, verhindert der Mangel an Produktionskapazitäten ein eigenständiges Handeln.
„Die grundlegenden Annahmen der europäischen Verteidigung werden aus zwei Gründen auf die Probe gestellt. Erstens, weil sich der strategische Schwerpunkt der Vereinigten Staaten auf andere Regionen der Welt verlagert hat. Zweitens lassen sich – abgesehen von der Frage der Lastenteilung – die transatlantischen Differenzen über die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit, demokratischen Prinzipien und Völkerrecht nicht länger leugnen“ – heißt es in dem Dokument mit dem Titel „Der Weg zur europäischen Verteidigungsautonomie: Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten“.
In der vorgestellten Vision löst sich Deutschland aus der Abhängigkeit von den USA. Die Autoren des Manifests weisen darauf hin, dass sich der strategische Fokus der Vereinigten Staaten auf andere Regionen der Welt verlagert und dass die transatlantischen Differenzen in der Wahrnehmung von Rechtsprinzipien und Demokratie ein weiteres Vertrauen auf die NATO-Garantien riskant machen. Die deutschen Experten wollen jedoch keine vollständig isolationistische Verteidigungsstrategie aufbauen. Ihre Strategie setzt auf eine enge europäische Integration im Format „Team Europe“ im Kreis einer sogenannten „Koalition der Willigen“ von Staaten, die sowohl traditionelle Partner aus Westeuropa und Großbritannien als auch Länder Mittel- und Osteuropas sowie Skandinaviens umfasst. Der Schlüssel soll die Überwindung der Fragmentierung sein, die derzeit dazu führt, dass Europa pro investiertem Euro 30–40 Prozent weniger Kampfkraft erzielt als andere Regionen.
Parallel dazu will Deutschland die Massenproduktion autonomer Drohnensysteme, von Loitering Munition sowie unbemannten Land- und Seefahrzeugen anstoßen und dabei letztlich eine Größenordnung von Millionen Einheiten pro Jahr erreichen. Die Produktionskapazitäten selbst sollen mit der deutschen Stärke im Automobilbau verknüpft werden.
Die Autoren der Analyse betonen die Notwendigkeit, im Rüstungsbereich eine realistische Kostenkalkulation zu erreichen. Statt teurer Ausrüstung sollen kostengünstige, in Massenproduktion gefertigte Lösungen dominieren, darunter Laser und Mikrowellensysteme. Im Weltraum strebt Deutschland zusätzlich den Aufbau europäischer Aufklärungs-, Kommunikations- und Navigationssatelliten an, der die Abhängigkeit von Starlink und GPS verringern soll. Dies erfordert jedoch nicht nur den Ausbau bestehender Programme wie IRIS oder Galileo PRS, sondern auch einen eigenen Zugang zur Umlaufbahn durch eine höhere Startfrequenz. Hinzu kommen der strategische Lufttransport, sanitätsdienstliche Fähigkeiten sowie die elektronische Kampfführung und SEAD/DEAD, das heißt die Fähigkeit, gegnerische Luftverteidigungssysteme zu blenden, zu stören und zu zerstören. Alle diese Bereiche sollen zu einer einzigen, kohärenten Architektur verbunden werden, die gegen elektromagnetische Störungen und Cyberangriffe widerstandsfähig ist.
Die Umsetzung dieser Vision hat einen konkreten zeitlichen Horizont. Die Autoren schätzen, dass in den meisten Bereichen innerhalb von 3–5 Jahren bedeutende Fortschritte möglich sind und eine umfassende Verteidigungsautonomie in 5–10 Jahren erreicht werden kann, sofern dem Vorhaben eine hohe politische Priorität eingeräumt wird. Die Kosten werden auf 150–200 Milliarden Euro bis 2030 und rund 500 Milliarden über ein Jahrzehnt geschätzt. Diese Mittel machen lediglich ein Drittel des geplanten Anstiegs der europäischen Verteidigungshaushalte aller Mitgliedstaaten aus oder etwa 0,25 Prozent des BIP der Europäischen Union zuzüglich Großbritanniens und Norwegens.
Deutschland beschränkt sich jedoch nicht auf finanzielle Erklärungen. Das von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) veröffentlichte Dokument enthält revolutionäre Vorschläge für einen Paradigmenwechsel in der Rüstung. Statt vielseitiger Spezifikationen und des Kaufs fertiger Systeme soll das Prinzip „show before you buy“ dominieren, also Prototypenwettbewerbe. Geplant sind zudem Verträge über Produktionskapazitäten im Umfang von Millionen Einheiten pro Jahr, mit Vergütungen für die Vorhaltung von Reservekapazitäten. Statt einer Konzentration auf die großen Konzerne soll das Ökosystem für Start-ups geöffnet werden, mit Dual-Use aus der Automobilbranche und von Start-ups. Ziel des deutschen Vorgehens sind ein beschleunigter Weg für Souveränitätsprojekte, flexible Verträge statt starrer technischer Anforderungen sowie starke Anreize für eine rasche Skalierung von Produktion und Lieferketten.
Auch wenn deutsche Experten immer lauter über eine europäische strategische Autonomie sprechen, zeigt die Realität, dass Europa praktisch in allen zentralen Bereichen der Verteidigung weiterhin stark von den Vereinigten Staaten abhängig bleibt. Das betrifft insbesondere die satellitengestützte Aufklärung, Führungssysteme, Logistik, den strategischen Transport, die Raketenabwehr, die nukleare Abschreckung sowie moderne Militärtechnologien.
Trotz hoher Verteidigungsausgaben der europäischen Staaten ist das militärische Potenzial Europas heute deutlich geringer als das der USA. Die Amerikaner verfügen über eine globale Machtprojektion, eine gewaltige Rüstungsindustrie, technologische Dominanz sowie über Jahrzehnte aufgebaute operative Erfahrung. Europa hingegen leidet weiterhin unter der Zersplitterung der Waffensysteme, unter Bürokratie und begrenzten Produktionskapazitäten.
Ein Problem bleibt auch die wirtschaftliche Lage Deutschlands und der gesamten Europäischen Union. Die deutsche Wirtschaft steht unter dem Druck hoher Energiekosten, einer industriellen Abschwächung und einer Wettbewerbskrise. In vielen EU-Ländern steigen die Verschuldung, soziale Spannungen sowie die Kosten der Energiewende. Unter solchen Bedingungen würde der Aufbau einer vollständigen militärischen Autonomie jahrelange, gigantische Investitionen in Höhe von Hunderten Milliarden Euro erfordern.
Hinzu kommt, dass Europa heute weder über ein eigenes Pendant zum amerikanischen nuklearen Schutzschirm noch über vergleichbare Fähigkeiten zur strategischen Abschreckung verfügt. Selbst Frankreich und Großbritannien verfügen über ein deutlich geringeres Potenzial als die USA, und ein Teil der Staaten Mittel- und Osteuropas – darunter Polen – betrachtet die Präsenz amerikanischer Truppen weiterhin als zentralen Sicherheitsgaranten gegenüber Russland.
Daher sind viele Analysten der Ansicht, dass Europa zwar seine militärische Eigenständigkeit ausbauen kann, in absehbarer Zukunft jedoch nicht in der Lage sein wird, die amerikanische militärische und strategische Unterstützung vollständig zu ersetzen.
Was genau wollen die deutschen Experten? Die Autoren des Manifests fordern den Aufbau einer europäischen militärischen Autonomie – von der Produktion von Rüstungsgütern und Drohnen über Satellitensysteme, Kommunikation und Logistik –, sodass Europa unabhängig von den Vereinigten Staaten handeln kann.
Bedeutet dies eine Schwächung der NATO? Formal nicht, da die Autoren eine weitere Zusammenarbeit im Rahmen des Bündnisses erklären. In der Praxis geht das Dokument jedoch von einer Verringerung der strategischen Abhängigkeit Europas von den USA aus, was zu Spannungen innerhalb der NATO führen kann.
Warum ist das Thema für Polen wichtig? Polen stützt seine Sicherheit seit Jahren vor allem auf das Bündnis mit den Vereinigten Staaten und die Präsenz von US-Truppen in der Region. Eine Stärkung des deutschen Verteidigungsprojekts könnte den Druck zum Aufbau einer stärker zentralisierten Sicherheitspolitik in der EU erhöhen.
Wollen die Deutschen eine „europäische Armee“ schaffen? Das Manifest verwendet diese Bezeichnung nicht ausdrücklich, schlägt jedoch eine sehr weitreichende Integration der Rüstungsindustrie, der Führungssysteme und der militärischen Produktion der europäischen Staaten vor.
Wie schnell könnte ein solches Projekt umgesetzt werden? Nach Ansicht der Autoren könnten erste Ergebnisse innerhalb von 3–5 Jahren sichtbar werden, während eine umfassendere strategische Autonomie Europas in einem Zeithorizont von etwa einem Jahrzehnt erreicht werden sollte.