Die deutsche Fregatte „Sachsen", die als Flaggschiff des Ständigen Maritimen Einsatzverbands der NATO SNMG1 fungiert, hat sich gemeinsam mit Einheiten der Bundespolizei und alliierten Kräften einem russischen Objekt genähert. Der Experte Moritz Brake vom Zentrum für maritime Sicherheitsforschung der Universität Bonn sieht darin eine russische Machtdemonstration und eine Einschüchterung derjenigen, die Russland in seine Schranken weisen wollen.
Wir müssen die Friedensverhandlungen aufgeben – sagt Brake.
Die russische Schattenflotte, deren Umfang auf 600 bis 1.600 Einheiten geschätzt wird – überwiegend alte Tanker minderwertiger Qualität –, dient in erster Linie dem Ölexport, der monatlich mehr als zehn Milliarden Euro einbringt. Fast die Hälfte dieser Schiffe verkehrt über die Ostsee. Diese Schiffe operieren unter verschiedenen Flaggen von Staaten mit schwachen Kontrollmechanismen, mit gefälschten Eigentumsstrukturen und Versicherungen. Auf diese Weise finanziert der Kreml den Krieg gegen die Ukraine und testet zugleich die Grenzen der westlichen Entschlossenheit. Das Auftauchen der „Seweromorsk" vor der Küste der Insel Fehmarn ist eine unmittelbare Antwort auf die Versuche, diese Einheiten zu inspizieren und gegebenenfalls aufzubringen.
Die Schattenflotte ist längst kein ausschließlich ökonomisches Problem mehr, sondern hat sich zu einem Instrument der Destabilisierung unterhalb der Schwelle eines offenen Konflikts entwickelt. Die Beschädigung des Unterseekabels Estlink 2 zu Weihnachten 2024 durch den Tanker „Eagle S" – der seinen Anker über den Meeresgrund schleifte und dabei mehrere Kabel gleichzeitig beschädigte – war nach Auffassung deutscher Experten kein Zufall. Die NATO reagierte mit der Mission „Baltic Sentry", die ihre militärische Präsenz verstärkte, um die kritische Unterwasserinfrastruktur zu schützen. Dennoch agiert Moskau weiterhin durch die Störung von GNSS-Signalen (engl. Global Navigation Satellite System – Sammelbegriff für sämtliche globale Satellitennavigationssysteme, Anm. d. Red.), durch AIS-Spoofing (gezielte Verfälschung der Signale im maritimen System Automatic Identification System (AIS), das der automatischen Identifizierung von Schiffen und der Verfolgung ihrer Positionen dient, Anm. d. Red.) sowie durch die Anwesenheit von Personen an Bord, die mit dem russischen Militär oder mit Söldnergruppen in Verbindung stehen.
Die Ostsee ist besonders anfällig für ökologische Katastrophen. Die alten, häufig nicht betriebstauglichen Tanker der Schattenflotte sind eine tickende Zeitbombe. Ein einziger schwerer Unfall oder Schaden würde im Grunde genügen, um das Ökosystem, die Wirtschaft und den Tourismus der deutschen Küste für Jahre zu zerstören. Der Experte Moritz Brake betont, dass solche Manöver einer bewussten Eskalationsstrategie folgen. Russland nutzt die Schwäche der westlichen Reaktion aus – die endlosen Debatten, die Kompetenzstreitigkeiten und die Selbstbeschränkung aus Furcht vor einer ökologischen Katastrophe oder einer militärischen Eskalation.
Russland lässt nicht nach, die Grenzen und die Wirksamkeit der westlichen Kräfte auf die Probe zu stellen. Jedes Zugeständnis, jede Inkonsequenz bestärkt es in der Überzeugung, Handel und Sabotage straflos miteinander verbinden zu können. Allein eine konsequente, koordinierte Politik an der Schnittstelle von Sanktionen, maritimer Sicherheit, Umweltschutz und Verteidigungsdimension wird es erlauben, den Geldstrom in die russische Kriegsmaschinerie einzudämmen und die Stabilität in jenem Seegebiet wiederherzustellen, das für unseren Teil Europas zugleich Handelsader und Frontlinie des hybriden Krieges ist.