Mit den neuen Regeln, die die Europäische Kommission für den Online-Handel einführt, soll der heimische Einzelhandel systematisch vor dem Vordringen asiatischer und amerikanischer Plattformen geschützt werden. Vom 1. Juli dieses Jahres an müssen Verbraucher auf jedes Produkt im Wert von unter 150 Euro, das von außerhalb der Europäischen Union verschickt wird, eine Gebühr von 3 Euro aufschlagen. Faktisch handelt es sich um eine neue Form von Zöllen auf billige Einfuhren. Die Regelung trifft unmittelbar Plattformen wie AliExpress oder Temu, aber auch das amerikanische Amazon, das allein in Deutschland bereits die Hälfte des Einzelhandelsumsatzes auf sich vereint. Offiziell wird das Vorhaben damit begründet, dass unfairen Praktiken der Preisunterbietung durch chinesische Anbieter entgegengewirkt und die europäische Logistikinfrastruktur entlastet werden müsse, die täglich von Hunderttausenden Kleinsendungen lahmgelegt wird.

Die Lage im Einzelhandel Europas, und insbesondere in Deutschland, ist dramatisch. Statistiken belegen, dass in diesem Sektor in den vergangenen Jahren bis zu 40.000 Arbeitsplätze weggefallen sind. Daten des Statistischen Bundesamtes bestätigen, dass jedes zwölfte Unternehmen am Rande des Konkurses steht, wobei in dieser bedrückenden Statistik die Handelsbranche dominiert. Der Niedergang der traditionellen Geschäfte in den Fußgängerzonen ist ein vielschichtiger Prozess, der aus dem Preisdruck der Online-Riesen, fehlender Nachfolge in kleinen Betrieben sowie der Unfähigkeit, sich an die heutigen Bedürfnisse der Verbraucher anzupassen, hervorgeht.

Diese Krise hat auch die Ikonen des deutschen Handels erfasst – die großen Warenhäuser wie Karstadt oder Hertie, die jahrzehntelang Tausende Kunden anzogen und heute trotz Sanierungsversuchen vielfach geschlossen bleiben. Die Geschichte zeigt, dass der stationäre Handel in Deutschland bereits seit den 1980er-Jahren empfindliche Schläge einstecken musste – beginnend mit der Vorherrschaft der Versandkataloge (Otto, Neckermann) bis hin zum Markteintritt von Amazon und eBay nach dem Jahr 2000. Die Expansion der digitalen Plattformen hat zum Verschwinden spezialisierter Geschäfte wie Buchhandlungen oder Spielwarenläden geführt, und dieser Prozess wird derzeit durch die Invasion chinesischer Anbieter fortgesetzt.

Experten betrachten die Einführung der neuen Gebühr als Versuch, die Haushalte der EU und der Mitgliedstaaten aufzubessern. Es bestehen jedoch erhebliche Zweifel, ob ein solches Vorgehen den traditionellen stationären Handel retten kann, dessen Angebot vielerorts bereits nur noch in Rudimenten existiert. Trotz der fiskalischen Vorteile für die Mitgliedstaaten dürfte dieser Mechanismus nicht ausreichen, um die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen im Stadtbild Europas und in den Konsumgewohnheiten umzukehren. Die Zerstörung des traditionellen Einzelhandelsmodells wird zu einem nahezu unumkehrbaren Vorgang, und zusätzliche Abgaben können die Vorherrschaft des im digitalen Raum operierenden Kapitals allenfalls verlangsamen, nicht aber aufhalten.