In der deutschen politischen Praxis zeigt sich eine Evolution der operativen Methoden, die in einer Verlagerung des Schwerpunkts vom Erlass vorteilhafter Gesetze hin zur Suche nach Wegen ihrer Umgehung zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen besteht. Das traditionelle Modell, in dem die Stabilität auf der rigorosen Einhaltung von Verträgen als Fundament des Handelns beruhte, weicht einer ausgefeilten Analyse rechtlicher Schlupflöcher. Dieses Phänomen ist sowohl in der Wirtschaftsdiplomatie auf globaler Ebene als auch in der lokalen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit erkennbar.
Ein Beispiel für Maßnahmen auf internationaler Ebene ist der Besuch des Vizekanzlers und Finanzministers Lars Klingbeil in Kanada, wo Deutschland im Zusammenhang mit der Ausschreibung für zwölf U-Boote unter anderem mit Angeboten aus Südkorea konkurriert. Angesichts der hohen Investitionskosten, die auf 25 bis 38 Milliarden Euro geschätzt werden, bewirbt die deutsche Seite aktiv außerbudgetäre Lösungen und weist die Partner an, wie spezielle Zweckfonds außerhalb der üblichen haushaltsrechtlichen Kontrolle geschaffen werden können. Dieser als „Sondervermögen“ bekannte Mechanismus beruht auf der Nutzung des Anleihemarktes und der Verschiebung finanzieller Lasten auf künftige Generationen, was Deutschland bei der Schaffung eigener Fonds im Wert von Hunderten Milliarden Euro erprobt hat.
Obwohl solche Maßnahmen offiziell als Instrumente zur Stabilisierung von Demokratie und Sicherheit präsentiert werden, verweisen Analysten auf die damit einhergehenden hohen finanziellen Risiken. Diese „Schule der Umgehung des Haushaltsrechts“ ist mittlerweile zu einem Exportprodukt der deutschen Diplomatie geworden, das die Finanzierung kostspieliger Rüstungsprojekte bei gleichzeitiger Wahrung des Anscheins von Haushaltsdisziplin ermöglicht. Die zeitliche Verschiebung der Rechnung wird zur dominierenden Strategie, deren Ziel es ist, lukrative Aufträge für die heimische Industrie zu sichern.
Analoge Mechanismen der Suche nach rechtlichen „Umgehungen“ werden in den Beziehungen zu Polen angewandt, was der Streit um die Finanzierung der grenzüberschreitenden Buslinie 983 zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice veranschaulicht. Seit 2022 verweigert die polnische Seite Zuschüsse zu dieser defizitären Linie und begründet dies mit dem fehlenden realen Bedarf der Einwohner sowie der Unangemessenheit der vom deutschen Verkehrsunternehmen verursachten Kosten. Als Reaktion auf diese Haltung schlagen deutsche Lokalpolitiker wie Axel Strasser die Schaffung einer neuen Rechtspersönlichkeit in Form eines Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit vor. Diese Konstruktion zielt darauf ab, ein Gebiet mit gesondertem Rechtsstatus zu schaffen, was es Słubice erlauben würde, finanzielle Mittel zur Deckung der Verluste der deutschen Verkehrsfirma unter Umgehung der sich aus dem polnischen Haushaltsrecht ergebenden Beschränkungen zu übertragen.
Unabhängig vom Umfang des Vorhabens – von Milliardenaufträgen in Kanada bis zum lokalen Nahverkehr in Słubice – bleibt der gemeinsame Nenner das Bestreben, Ziele durch die Schaffung paralleler rechtlicher Strukturen und Zweckfonds zu verwirklichen. Ein solcher Ansatz stellt das traditionelle Verständnis einer auf finanzieller Transparenz beruhenden Zusammenarbeit sowie die Grundlagen einer auf dem Buchstaben des Gesetzes beruhenden Beziehung infrage, wie man sie bislang im Umgang mit Deutschland kannte.